Mit Dimitré Dinev ist einer der bedeutendsten Erzähler historischer Erinnerung zu Gast beim 35. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Japan. Seine Romane, Erzählungen und Theaterstücke erzählen von Krieg, Diktatur, Migration und Exil, zugleich aber von Menschlichkeit, Hoffnung und der Kraft des Erzählens. Bulgarien bildet häufig den Ausgangspunkt seiner Literatur, doch stets öffnet sich der Blick auf Europa als gemeinsamen historischen und kulturellen Erfahrungsraum.
Der bulgarisch-österreichische Schriftsteller (*1968 in Plowdiw) kam 1990 nach Österreich und begann wenige Jahre später auf Deutsch zu schreiben. Mit seinem Roman Engelszungen (2003) gelang ihm der internationale Durchbruch. Seither hat sich Dinev als eine der markantesten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur etabliert. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet; für seinen monumentalen Roman Zeit der Mutigen erhielt er 2025 den Österreichischen Buchpreis.
Charakteristisch für Dinevs Schreiben ist die Verbindung realistischer Geschichtserzählung mit Mythen, Volksglauben und poetischer Imagination. Tragik und Komik, historische Erfahrung und märchenhafte Elemente gehen dabei eine unverwechselbare Verbindung ein. Seine Figuren bewegen sich zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Heimat und Fremde, Erinnerung und Neubeginn. Im Mittelpunkt stehen nicht Ideologien oder politische Systeme, sondern Menschen und ihre Lebensgeschichten.
Eine besondere symbolische Rolle kommt dabei der Donau zu. Als Fluss, der Bulgarien und Österreich miteinander verbindet, wird sie zu einem Bild gemeinsamer europäischer Geschichte – für Begegnung und Trennung, Flucht und Heimkehr, Erinnerung und Wandel. Besonders in seinem monumentalen Roman Zeit der Mutigen bildet die Donau einen erzählerischen Strom, der Menschen, Generationen und Epochen miteinander verbindet.
Damit steht Dinev zugleich in einer europäischen Tradition des Donau-Schreibens. Wie Claudio Magris versteht er den Fluss nicht als Grenze, sondern als kulturellen Erinnerungsraum Europas. Während Magris die Donau essayistisch als Landschaft europäischer Geschichte erschließt, erzählt Dinev ihre Geschichte in Gestalt von Familien, Lebensläufen und individuellen Schicksalen. Auch zu Elias Canetti lassen sich Bezüge herstellen. Beide Autoren stammen aus Bulgarien, schrieben auf Deutsch und betrachten Südosteuropa nicht als europäischen Rand, sondern als dessen kulturellen Mittelpunkt. Während Canetti vor allem die Welt der untergehenden Donaumonarchie beschreibt, richtet Dinev den Blick auf die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart.
Bereits seine frühen Erzählungen und Theaterstücke – darunter das 1999 uraufgeführte Russenhuhn – zeigen jene Themen und Motive, die sein gesamtes Werk prägen. Mit dem Erzählungsband Ein Licht über dem Kopf (2005) und den Theaterstücken Das Haus des Richters, Eine heikle Sache, die Seele, Haut und Himmel und Alice entwickelte Dinev seine poetische Verbindung von Geschichte, Mythos und philosophischer Reflexion weiter. Den vorläufigen Höhepunkt seines Schaffens bildet Zeit der Mutigen (2025), ein über tausend Seiten umfassendes Epos über Bulgarien und Europa im 20. Jahrhundert.
Es freut uns sehr, mitteilen zu dürfen, dass auch Jochen Hörisch am 35. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Japan teilnehmen wird. Mit Dimitré Dinev und Jochen Hörisch begegnen sich ein Autor und ein Literaturwissenschaftler, die seit den Anfängen von Dinevs deutschsprachigem Werk in einem kontinuierlichen Dialog stehen.
Zitate
Über die Donau und das Erzählen: „Für mich verkörpert Wasser auch das Erzählen selbst. Deswegen sagt man ja auch Erzählfluss und nicht Erzählberg. Wasser trägt auch den Aspekt der Zeit in sich. Man kann etwa denken: In zwei Tagen ist dieser Tropfen im Meer.“
Salzburger Nachrichten, 2025
Über das Erzählen: „Wenn es wieder einmal einen Stromausfall gab und am Abend das Licht ausging, dann saß die Familie im Finstern um den Tisch herum und erzählte sich Geschichten. Das hat mich süchtig nach Stromausfällen gemacht.“
ORF-Menschenbilder, 2026
Wichtige Veröffentlichungen (Auswahl)
Erzählungen
- Die Inschrift (2001)
- Ein Licht über dem Kopf (2005)
Romane
- Engelszungen (2003)
- Zeit der Mutigen (2025)
Essays
- Barmherzigkeit (2010)
Theater (Auswahl)
- Russenhuhn (1999)
- Haut und Himmel (2006)
- Das Haus des Richters (2007)
- Eine heikle Sache, die Seele (2008)
- Alice (2015)
Auszeichnungen (Auswahl)
- Literaturpreis „Schreiben zwischen den Kulturen“ (2000)
- Mannheimer Literaturpreis (2002)
- Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis (2005)
- Askeer-Preis (2007)
- Manès-Sperber-Preis (2023)
- Österreichischer Buchpreis (2025).