31. Seminar zur österreichischen Gegenwartsliteratur in Japan
オーストリア現代文学ゼミナール
16. Dezember 2022
Österreichisches Kulturforum Tokio
Mit Karl Lubomirski
GEDICHTE: Die Eisblumen der Erwartung – kurze Einführung in das Werk von Karl Lubomirski
Walter Vogl

In meinem Vortrag will ich der Frage nachgehen, warum Karl Lubomirski trotz seines beachtlichen und in 19 Sprachen übersetzten Werks in den deutschsprachigen Ländern nicht gebührend wahrgenommen wird. Als Gründe anzuführen wären, dass er Österreich bereits im Alter von 21 Jahren verlassen hat, dass seine Bücher durchwegs in Klein- und Kleinstverlagen erschienen sind und dass er eine Art von Literatur schreibt, die dem Zeitgeist die kalte Schulter zeigt und in manchen ihrer Ausprägungen Gefahr läuft, mit dem verwechselt zu werden, was Adorno als „Jargon der Eigentlichkeit” bezeichnet hat. Darüber hinaus wird er als PEN-Autor abgestempelt (zur Erinnerung: der österreichische PEN-Club hat eine sehr wechselhafte und nach 1945 an Skandalen und Auseinandersetzungen, an missglückten Interventionen und spektakulären Austritten reiche Geschichte und wurde in den 1960er- und 70er-Jahren von den wesentlichen Exponenten der jungen öst. Nachkriegsliteratur vor allem als Verhinderer alles Neuen wahrgenommen). Seine spirituelle Poesie und ihr Transzendentalismus stehen in einem Naheverhältnis zum Werk Ernst Schönwieses, des ehemaligen Literatur-Programmchefs im ORF und späteren PEN-Vorsitzenden, dessen Lyrik beeinflusst war von europäischer und fernöstlicher Mystik und der sich Anfang der 1970er Jahr dem Buddhismus zuwandte. Auch Schönwiese, der immerhin 1986 für den Literatur-Nobelpreis vorgeschlagen war, wird in neueren Literaturgeschichten meist mit wenigen Worten abgefertigt – ein Indiz dafür, wie tief die Gräben, die durch die Kulturkämpfe in den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg aufgerissen wurden, nach wie vor sind.
Des Weiteren soll in meinem Vortrag kurz die Entwicklung von Lubomirskis Lyrik von seinem spätromantischen Frühwerk hin zu den teilweise extrem kurzen und radikale Brüche nicht scheuenden Gedichten seiner späteren Phase gezeigt werden, die mit dem ermetismo von Giuseppe Ungaretti verglichen werden, der Hermetik als politische Opposition praktizierte. Lubomirski schreibt in freien Rhythmen, sein Repertoire umfasst Veduten und Vignetten, Anrufungen und Gebete, Hymnen und Rollengedichte und vieles mehr. Nicht wenige seiner Kurzgedichte sind in der Nachbarschaft des Aphorismus angesiedelt. Er polemisiert zwar gegen die Konkrete Poesie, doch ist seinem Werk trotz der prinzipiell angestrebten Einfachheit eine gewisse Nähe zu historischen Strömungen des Manierismus nicht abzusprechen. Seine Gedichte oszillieren zwischen „Bruder Abgrund” und „Bruder Orient”, zum Beispiel lakonischen Klagen über das Joch des Schreibens und Lobpreisungen altpersischer Dichter. Die Ikonographie Lubomirskis kann bisweilen sehr anspruchsvoll sein und ist ohne ein Grundwissen an griechisch-römischer Mythologie nicht immer ganz leicht verständlich. Viele seiner Gedichtbände sind als Quest angelegt, enthalten also die Momente Aufbruch, Prüfung und (siegreiche) Heimkehr, die interessanterweise in seinen Reisetexten nur ein Schattendasein führen. Lubomirski nennt Gedichte Eisblumen der Erwartung. Sie sind Totenmasken mit Zukunft, oder, anders gesagt, Momentaufnahmen eines Prozesses, in dem es um ständige Bewegung im Moment des kurzfristigen Anhaltens geht.

Karl Lubomirski
Quelle: www.lubomirski.at
Freitag, 16. Dezember 2022
15:00Begrüßung
15:05GEDICHTE: Die Eisblumen der Erwartung - kurze Einführung in das Werk von Karl LubomirskiWalter Vogl
15:40Erste LesungKarl Lubomirski
16:00Der Garten des Leonardo als Metapher des Ortes der KunstShihoko Ora
16:30Zweite LesungKarl Lubomirski
16:40Politische Gedichte in Sieben MeereNoriaki Watanabe
17:10Dritte LesungKarl Lubomirski
17:20Wo die Quellen der Welt in uns selber entspringen - Die Reisetexte von Karl LubomirskiWalter Vogl
17:50Werkstattgespräch mit Walter Vogl undKarl Lubomirski